Kriegsenkel und ihr Mut zum eigenen Leben. Rezension meines Buchbeitrages

Die Biografin Gabriele Lorenz-Rogler hat eine wundervolle Rezension zu meinem Buchbeitrag „Stop & Grow – Eine ganz eigene Strategie der Kriegsenkel, positiv mit ihrem besonderen Erbe in einer in Gewinner und in Verlierer gespaltenen Gesellschaft umzugehen?“ geschrieben, der im Jahrbuch für psychohistorische Forschung veröffentlicht wurde. (https://meyer-legrand.eu/?p=701)

Hier lesen Sie die ungekürzte Fassung der Rezension:

Der Mut zum eigenen Leben

Die Angehörigen der Nachkriegsgeneration, die Kriegsenkel, gleichen in ihrem Verhalten Hochleistungssportlern: Sie gehen weit über ihre Kräfte hinaus und brauchen danach immer wieder Erholungsphasen, um sich zu neuen Rekordleistungen aufzuschwingen.

Gemeinsam ist ihnen der Höchstleistungen abverlangende Umgang mit Eltern, die durch frühe Gewalt- und Terrorerfahrung, durch Heimatverlust und Vertreibung mehr oder weniger schwer traumatisiert sind. „Sie sind alle Enkel einer traumatischen Zeitgeschichte“, so die Berliner Psychotherapeutin Ingrid Meyer-Legrand. Dabei haben sie als Kinder und jugendliche Heranwachsende in einer hohen Verantwortungsposition Kompetenzen entwickeln müssen, die sie eigentlich zu Führungskräften prädestinieren.  Warum aber erreichen sie diese nicht einfach bzw. haben häufig große Schwierigkeiten überhaupt einen Lebensentwurf sowohl beruflich wie auch privat zu finden, der ihren Fähigkeiten und Neigungen entspricht? Immer wieder müssen sie sich neu positionieren, um dann erneut abzubrechen und wieder neu zu starten. Oder sie verfallen in regelmäßigen Abständen in Depressionen, Ängste, Panikattacken und Burn-Outs.

In einem Paradoxon „Stop and Grow“ verdichtet Meyer-Legrand diesen scheinbaren Widerspruch und findet Erklärungen aus ihrer Praxiserfahrung, entdeckt die Sinnhaftigkeit hinter diesem sich nicht sofort erschließenden Verhalten: Häufig lebenslange Loyalität den zu rettenden Eltern gegenüber und frühe Parentifizierung, d.h. die damaligen Kinder mussten ihrerseits Eltern für die hilflosen Eltern sein.  Und dann die plötzliche Befreiung von diesen Belastungen: Als sie erwachsen werden und in ein eigenes selbständiges Leben starten mussten und  sie nicht wussten, wie. Sie hatten doch alles gelernt nur nicht: für sich selbst zu sorgen.

Ingrid Meyer-Legrand findet adäquate Worte für die unheimliche Atmosphäre dieser Elternhäuser: „Das ist der Resonanzraum, in dem die Kriegsenkel groß geworden sind und in dem die eigene Geschichte verhandelt wird“. Hier fand „ein seltsames Kreisen der Eltern um sich selbst“ statt, „mit Menschen, die innerlich besetzt waren, ohne dass zu erfahren gewesen wäre, wovon, mit (…) überraschender Härte, mit Abhängigkeiten und inneren Zusammenschlüssen, die man hätte ´verzweifelt` nennen können, wenn es eine Geschichte dazu gegeben hätte“. ( H. Schmitz (2012) Die bis heute in den Familien nicht erzählt wurde.

Die Kinder, die diese Familien schon in jungem Alter unterstützt haben, mussten nicht nur hohe emotionale, praktisch-organisatorische und soziale Fähigkeiten entwickeln, sondern zudem psychiatrische und psychotherapeutische, um das zu leisten und zu überleben. Eigentlich kein Wunder, dass sie aufgrund dieser Überforderung erschöpft waren und sind, mit allen seelischen Nachwirkungen und häufig auch physischen.

Bei allem Ernst der Thematik verfällt Ingrid Meyer-Legrand nicht in ein pathetisches oder selbstmitleidiges Lamento, das ja ob der Schwere der Thematik angemessen wäre, sondern sie bleibt die sorgfältige, wache, das Leid der anderen sehr ernst nehmende Therapeutin, als die ich sie in Workshops und Vorträgen erlebt habe. Nun aber verlässt sie die seelischen Trümmerlandschaften und weitet den Blick auf diese Generation mit der „besonderen Problematik“ und den „besonderen Kompetenzen“.

Diese Perspektive weckt Hoffnung für die Betroffenen und eröffnet Visionen auch für unsere gegenwärtige,  wirtschaftlich hocheffiziente und beschleunigte Gesellschaft: Sie sieht in dem chaotisch Rastlosen, dann Stagnierendem, immer wieder neu Anfangendem eine „Suchbewegung“. Wonach? Nach „Sinn“ und „Heilung“, nach „Wachstum“, das auch auf vorhandene Ressourcen in den Fragestellenden hinweist. Denn das haben sie ja auch durch ihre Eltern gelernt: immer wieder aufzustehen und sich nicht unterkriegen zu lassen. Das ist ein deutlicher Paradigmenwechsel in dieser Debatte, den die Therapeutin hier einläutet.

Natürlich, diese Generation hatte ganz andere Freiheiten und Wahlmöglichkeiten als die Flüchtlingseltern, die ja erst einmal überleben mussten und damit die Voraussetzung geschaffen haben, dass es jetzt um ganz andere Werte der Nachfolgegeneration gehen konnte. Genau aber hier beginnt das Drama.

Jetzt zeigt sich der riesige persönliche Nachholbedarf nach Liebe, Aufmerksamkeit, Zuwendung, der ja immer nur aus dem eigenen kindlich- bedürftigen Inneren geschöpft werden musste, um die Familie zu beruhigen, die bedürftigen Eltern zu sehen. Eigene Wünsche, eigenes Bedürftig-Sein, dafür gab es keinen Raum. Sich zurückzunehmen, das war überlebenswichtig. Und später: eigene Wege zu gehen und damit vielleicht die leidenden Eltern beruflich und privat zu überholen, sie damit zu verlassen, ging und geht bis heute aus Gründen der Loyalität scheinbar nicht oder nur sehr schwer. Lieber beruflich erfolglos scheitern, aber treu bis zum eigenen Untergang. Ja, und dann aber doch, wenn etwas beruflich  zu einem Passendes, der Liebe und den Neigungen Entsprechendes gefunden wird: „Immer wieder das Ganze anhalten, ob die Seele auch mitkommt“.

Ingrid Meyer-Legrand unterstützt in ihrer Arbeit Menschen bei ihrer Suche. Immer wieder versucht sie, den zu ihr Kommenden das Sinnvolle ihres Scheiterns, ihrer Niedergeschlagenheit, ihres Verschwindens in der Depression zu vermitteln und sich nicht als „Loser“ abzuurteilen. Die Ratsuchenden können diese Zeichen als etwas Positives begreifen, „den eigenen Weg zu finden, auszuprobieren und ihn schließlich kraftvoll gehen zu wollen“. Das Ziel einer Selbstwerdung wäre erreicht, wenn man sowohl den eigenen Weg unbeirrt gehen kann und  dann doch die Loyalität gegenüber den Eltern nicht aufgeben muss.

Dieser lesenswerte Artikel beschreibt nicht nur das Leid, die Hoffnung und die Therapiemöglichkeiten einer Generation, sondern er rehabilitiert diese auch gegen ein Loserimage, das ihr viele Jugendstudien in den 70er Jahren verpasst haben und das z.T. noch heute herrscht. Eine Zuhörerin eines von Ingrid Meyer-Legrand gehaltenen Vortrags meinte: „Die Kriegsenkel betreiben zu viel Nabelschau und wollen nicht vom Sofa herunter. Das sind alles Weicheier“. Dabei hat sie wohl vergessen, dass genau diese Generation durch ihre Emanzipation von der nationalsozialistischen Ideologie eine Kulturrevolution ausgelöst hat, ohne die wir heute noch in der nach-faschstischen geistig-seelischen Enge der 50er Jahre verharren würden.

© Gabriele Lorenz-Rogler

 

 

 

 

 

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Kommentare

Kriegsenkel und ihr Mut zum eigenen Leben. Rezension meines Buchbeitrages — 3 Kommentare

  1. Hallo,

    schön auf Ihrer Seite gewesen zu sein.

    Es paßt alles, zum Thema Kriegsenkel. Jetzt weiß ich woran all das liegt.

    Mein Opa kommt aus Breslau und war sechs Jahre in Kriegsgefangenschaft. Ich wäre nie darauf gekommen, dass es dieser Grund ist. Alles läuft so ab, wie ihr schreibt. Er hat nie drüber gesprochen. Ich leide unter dem Tod meines Großvaters ohne Ende. Er ist 1987 gestorben. Er hat gesagt alles wird gut ich soll mir keine Sorgen machen. Das war Dienstags und Ostersonntag war er nicht mehr da. Er hat mich einfach einlein gelassen. Dasselbe hab ich mit meinem Vater (seinem Sohn). Ich habe so Angst, das er mich verläßt. Ich kann da ein ganzes Buch drüber schreiben. Ich ziehe dauernd um. Hab keine Kinder, keinen Partner, vernichte mich selbst. Ich bin so am Ende.

    Ich kann soviel mehr darüber schreiben.

    Liebe Grüße

    Nicole Nowak

  2. ich bin weiblich und als erste von dreien 1960 geboren. seit ich denken kann, bin ich mit den grauenvollen bilden der kriegserlebnisse, und dem ehlend danach von meiner mutter überschüttet worden. sobald ich mich nicht wie erwartet verhalten habe, wurden diese erfahrungen meiner mutter über mir ausgegossen.alles andere hatte keine bedeutung. es hatte mir gut zu gehen. und wenn nicht, war das ihr leid und ich hatte schuld darann, mit viel “glück” machte sie irgendwen anderen als “täter” ausfindig und ich kam als “opfer” “davon”.
    ganz verückt wurde es, als meine schwester zu erkennen gab, das auch sie, neben all dem anderen unfug, von meinem vater als kind sexuelle Übergriffe erfahren hat….wie ich eben auch.
    die folgen der sich aus diesem sachverhalt ergebenden konflikte erscheinen mir trotz vieler terapien, einsichten und erkenntnissen, täglich angewendeten übungen, unüberwindlich und kaum zu ertragen.
    ich muß mich immer noch täglich von ihren schuldzuweisungen und ihren leid befreien, obwohl ich den kontakt zu ihnen vor 2 jahren abgebrochen habe, denn auch mein bruder macht mich zur schuldigen

    • Liebe Frau K., das, was Sie beschreiben ist sehr typisch für die Kriegsenkel. Leider. Haben Sie schon einmal daran gedacht, sich einem Kriegsenkel-Gesprächskreis anzuschließen? Mittlerweile findet man nahezu in jeder größeren Stadt einen Kriegsenkel-Gesprächskreis. Ein Austausch mit anderen erleben viele Kriegsenkel als sehr, sehr hilfreich. Ich grüße Sie herzlich und wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft!

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