Mein erster Buchbeitrag ist erschienen!

Ich bin schon oft gefragt worden, ob ich etwas über das Kriegsenkel-Thema veröffentlicht habe und ob meine Vorträge öffentlich zugänglich sind. Nun ist es soweit! Mein erster Artikel über dieses Thema ist in einem Buch erschienen: im Jahrbuch für psychohistorische Forschung Band 14 mit dem Titel: „Gespaltene Gesellschaft und die Zukunft von Kindheit“. Herausgegeben wird es von Uwe Langendorf, Winfried Kurth, Heinrich J. Reiß und Götz Egloff.

 

Das Buch ist eine Zusammenfassung der Vorträge, die auf der spannenden Tagung gleichen Namens vom 5. bis 7. April dieses Jahres in Berlin stattgefunden hat. Auch ich habe auf dieser Veranstaltung einen Vortrag gehalten, der nun in Ausschnitten in dem Jahrbuch zu lesen ist. Der Titel meines Vortrags lautete: „Stop & Grow – Eine ganz eigene Strategie der Kriegsenkel, positiv mit ihrem besonderen Erbe in einer in Gewinner und in Verlierer gespaltenen Gesellschaft umzugehen?“

 

In meinem Vortrag und in dem Buchartikel habe ich mir die Frage gestellt, inwieweit wir das „Immer-wieder-neu-Anfangen“, diese Ruhe- und Rastlosigkeit der Kriegsenkel als Kompetenz betrachten können, flexibel mit Veränderungen umzugehen. Diese Kompetenz haben die Kriegsenkel häufig von früh an eingeübt, weil die Eltern bereits einen jähen gesellschaftlichen Wechsel erlebt und ihr Leben von heute auf morgen ganz neu erfinden mussten. Ich analysiere, inwieweit das Gelingen eines erfolgreichen Lebens etwas mit einer Loyalität zu den Eltern zu tun hat, deren Leben – privat und beruflich – von Krieg und Flucht geprägt und häufig zerstört waren. Lässt sich dieses „Stop & Grow“ als ein kluges Abwägen begreifen, sowohl den eigenen Weg zu gehen und als auch loyal mit den Eltern zu sein? Und kann man dieses Verhalten auch als Strategie verstehen, sich dem Optimierungswahn unserer Gesellschaft zu verweigern? Das Ergebnis meiner Überlegungen lautet: Das Hin- und Herpendeln scheint für die Einzelnen sinnvoll und ein Zeichen von Wachstum und immer wieder Innehalten zu sein – eben ein Stop & Grow.

 

Bestellt werden kann das Jahrbuch beim Mattes Verlag www.mattes.de. Jahrbuch für psychohistorische Forschung Band 14 mit dem Titel: „Gespaltene Gesellschaft und die Zukunft von Kindheit“. Herausgegeben wird es von Uwe Langendorf, Winfried Kurth, Heinrich J. Reiß und Götz Egloff.

Also, viel Erkenntnis beim Lesen!

Gerade habe ich vom Verlag die Nachricht bekommen, dass mein Artikel auch im PDF-Format erhältlich ist. Wer daran interessiert ist, wende sich bitte an mich: mailto(at)meyer-legrand.eu

 

Übrigens: Im Jahr 2012 gab es bereits eine Tagung, die ausschließlich den Kriegsenkeln gewidmet war. Daraus ist ebenfalls ein Buch hervorgegangen:

Heike Knoch/Winfried Kurth/Heinrich J. Reiß/Götz Egloff (Hg.): Die Kinder der Kriegskinder und die späten Folgen des NS-Terrors. Jahrbuch für Psychohistorische Forschung 13 (2012). Mattes Verlag, Heidelberg 2012, ISBN 978-3-86809-070-3 (356 S.).

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Kommentare

Mein erster Buchbeitrag ist erschienen! — 15 Kommentare

  1. Liebe Ingrid,
    danke für einen sehr anregenden Artikel! Dieser für mich neue Blick auf die Kriegskinder und -enkel erklärt Vieles und lädt ein, Menschen, Situationen und Erfahrungen neu zu bewerten. Auch für meine therapeutische Arbeit bringst du einen Aspekt hinein, den ich bisher nie in der Tiefe berücksichtigt habe. Und mir wird klar, dass wir nicht nur von den Betroffenen des 2. Weltkriegs reden sollten. Unter uns leben Menschen, die selbst aus Kriegsgebieten kommen – Bosnien, Syrien, Sudan, Somalia, Afghanistan…..und deren Kinder, die die Kriege nur teilweise selbst mitbekommen haben, aber hier unter dem gleichen Druck stehen wie du beschreibst, meist ohne wirklich klar zu erkennen, womit sie zu kämpfen haben. Ist darüber je geforscht worden? Wäre doch auch ein wertvolles Thema, oder? Liebe Grüße, Vera

  2. Liebe Vera,
    ich danke Dir für Dein wertschätzendes Feedback. Du hast vollkommen Recht, dass dieser Aspekt – 2. Weltkrieg und die Auswirkungen auf die Kriegsenkel, d.h. auf uns – lange keine Aufmerksamkeit bekommen hat. Erst in den letzten Jahren ist diese Thematik auch Gegenstand in Beratung, Therapie und auch im Coaching. Denn die Kriegsenkel erleben sich sowohl im Privaten als auch im Beruflichen hin- und herpendelnd zwischen “Stop & Grow” – immer wieder innehalten und dann wieder mutig aufbrechen. So ein Rhythmus ist sehr herausfordernd. – Wie über die heutigen Flüchtlinge geforscht wird, das kann ich nicht genau sagen. Da gibt es sicherlich etwas. Aber allem die Erkenntnis, dass diese Flüchtlinge häufig erst nach der Flucht aus den Kriegs- und Krisengebieten durch den Umgang in den Ländern, in denen sie Hilfe gesucht haben, traumatisiert werden. Darüber hinaus gibt es sehr viele Gemeinsamkeiten zwischen den Kriegskindern, also den Mütter und Vätern der Kriegsenkeln, und den heutigen Flüchtlingen. Einen Unterschied gibt es allerdings: Woran sie leiden ist häufig deutlicher und schneller zu erkennen als bei den Kriegsenkeln, weil die gesellschaftlichen Ereignisse, die sie zur Flucht nötigten, nicht so lange zurückliegen. Auch mit diesen Flüchtlingen habe ich in meiner Praxis als Supervisorin zu tun. Erwähnenswert ist, dass sehr viele Kriegsenkel in der Flüchtlingsarbeit tätig sind – viele aus Loyalität zu ihren (Flüchtlings-)Eltern. Danke für Deinen anregenden Kommentar! Herzliche Grüße, Ingrid

  3. Liebe Frau Meyer-Legrand,

    vielen Dank für die Zusendung Ihres Artikels, den ich mit viel Interesse und Zustimmung gelesen habe.

    Eine ganze Reihe der von Ihnen aufgeführten Punkte kann ich bei mir selbst nachvollziehen – als da sind:

    > das Optimale leisten – und sich dabei selbst sehr viel abverlangen
    > Loyalität bis zum Abwinken und natürlich: das Endlichankommenwollen
    > das Erfinden eines (neuen und eigenen) Lebens
    > sowie das Zusammenfügen (insbes. aber das Zusammenhalten) einer Welt, in der ich eine Funktion, aber nicht wirklich einen Platz hatte.

    aber auch:
    > die Dinge zu hinterfragen und neue, eigene Antworten zu finden
    > Stellung zu beziehen und „Nein“ zu sagen
    > eigene Entscheidungen zu treffen und vor allem: Widerstand zu leisten.

    Ich frage mich allerdings, ob all diese Dinge NUR auf die Traumata der Kriegseltern und -großeltern und ihrer nicht gelebten und gerahmten Geschichte zurückzuführen sind.
    Ähnliche Gefühle und Verhaltensweisen gibt es auch bei Menschen, deren Eltern und Großeltern in Ländern lebten, die nicht am Zweiten Weltkrieg teilgenommen haben.
    Ich glaube, dass Kinder immer dann, wenn sie vernachlässigt wurden und eigentlich nicht erwünscht oder Übergriffen ausgesetzt waren, ähnlich empfinden und nachempfinden.
    Selbstverständlich hat auch deren Geschichte eine Geschichte (der Gewalt und der Verzweiflung), aber eben nicht dieselbe.

    Dennoch finde ich es natürlich wichtig, das Ausmaß und den geschichtlichen Kontext der Kriegsgeneration und die Auswirkungen auf weitere Generationen aufzuzeigen, damit Verstehen und Verarbeiten möglich gemacht werden.

    Auch die Sicht darauf, dass viele Kriegskinder und jugendliche Soldaten nicht nur Täter, sondern auch Opfer waren, finde ich sehr wichtig.
    Mein Vater wurde zum Beispiel mit 16 Jahren eingezogen und verlor seine Heimat UND seine gesamte Familie. Wie furchtbar muss es sein, dann auch noch den Täter-Stempel aufgedrückt zu bekommen – und sich nicht wirklich äußern zu können.
    Dass dieses Thema so lange eben kein Thema war, hat m.E. die Verarbeitung weitgehend verhindert und die betroffenen Menschen in ihrer Erstarrung (manche zeitlebens) verharren lassen.
    Wie hätten sie dieses Paradox auch auflösen und sich wieder in den Fluss des Lebens begeben können?

    Ich bin sehr froh, dass Sie dieses Thema zur Sprache bringen und eine differenziertere Betrachtung der Kriegs- und Nachkriegsgeneration und ihrer Schicksale anstoßen.
    Und ich bin sicher, dass Sie viele Verhärtungen aufweichen.
    Vielen Dank dafür!

    Nun wünsche ich Ihnen trotz aller Schwere, die dieses Thema mit sich bringt, eine beschwingte und wohlgespannte Woche und grüße sehr herzlich aus dem stellenweise sonnigen 7gebirge

    Annette Schelb

  4. Vielen Dank, liebe Frau Schelb, für Ihr ausführliches Feedback und auch die Anmerkung dazu, dass es nicht nur die Geschichte des 2. Weltkrieges ist, die zu diesen, in meinem Artikel beschriebenen Übertragungen einer höchst brisanten Gefühlserbschaft führt. Das sehe ich auch so. Aber bei den Nachkommen der Kriegs- und Flüchtlingskindern des 2. WK treten die Auswirkungen dieser Gefühlserbschaft rein zahlenmäßig schon in besonders hohem Maße auf. –
    Und dieses Drama, das Sie am Beispiel Ihres Vaters beschreiben, der als 16-Jähriger bereits Soldat und damit Täter und Opfer zugleich war, zeugt davon, dass die Nationalsozialisten eben auch vor ihren eigenen Kinder nicht Halt gemacht und sie für ihre Zwecke missbraucht und verheizt haben.
    Trotz all’ diesem Leid und dieser Schwere habe ich in meinem Artikel ja auch gezeigt, wie viel Ressourcen und wie viel Neues die Kriegsenkel in die Welt gebracht haben. Und diese Seite ist es, die mich in meiner Arbeit mit den Kriegsenkeln stärkt und nachgerade – um es mit Ihren Worten zu sagen: beschwingt. Herzliche Grüße aus Berlin ins Siebengebirge! Ingrid Meyer-Legrand

  5. Pingback: Coaching, Supervision & Therapie» Blogarchiv » Kriegsenkel – Der Mut zum eigenen Leben -

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  7. Liebe Frau Meyer-Legrand,

    meinen herzlichen Glückwunsch zu dieser tollen Entwicklung. Sie haben damit offenbar einen Nerv getroffen! Ich wünsche Ihnen und allen, die von diesem Thema betroffen sind, dass diese Altlasten be- und verarbeitet werden und neue Freiheit entsteht, das eigene Leben zu leben.

  8. Liebe Frau Birkner,
    ja, dieses Thema scheint wirklich “dran” zu sein und viele fangen jetzt an, darüber zu sprechen, worüber ihre Mütter und Väter lange geschwiegen haben: über den Krieg, die Flucht und Vertreibung. Dabei wird viel Leid offenbar, aber auch sehr viele Ressourcen! “Die Kraft, die im Unglück liegt”, wie Boris Cyrulnik schreibt: Widrige Lebensumstände und leidvolle Erfahrungen aktivieren häufig die verborgenen Kräfte unserer Seele. Sich die eigene Geschichte einmal unter diesem Gesichtspunkt anzuschauen, befreit viele, endlich das eigene Leben zu leben.

  9. Sehr geehrter Frau Meyer-Legrand,
    ich würde gerne Ihren neuen Artikel lesen und bedanke mich schon im voraus, dass Sie ihn mir zusenden.
    L. Busch

  10. Liebe Frau Meyer-Legrand, liebe Ingrid (ich fühle mich etwas unsicher :-),

    nach der kurzen Vorstellung in unserem Freedom Business-Seminar von vorhin möchte ich mich gleich an Sie / Dich wenden. Ihre Arbeit beinhaltet u.a. ein Thema, das das Kernthema meiner Herkunftsfamilie ist. Beide Eltern sind auf das Schlimmste mit der jüngeren Kriegsgeschichte verbunden – sie haben – väterlicherseits – alle Familienmitglieder durch einen Bombenangriff auf das Elternhaus verloren und -mütterlicherseits – ihre Heimat und Ihre Lieben durch Vertreibung verloren.

    Intuitiv hat sich bei Ihrer Vorstellung mein Herz gemeldet; diesem möchte ich gern nachgehen und bitte Sie herzlich um die Zusendung Ihres Artikels.

    Vielen Dank.

    Heike Christoph

  11. Liebe Frau Meyer- Legrand, durch Zufall bin ich auf dieser Seite gelandet. Da ich jedoch nicht an Zufälle glaube und mich privat, aber auch beruflich schon länger mit kollektiver Traumatisierung durch Krieg, Flucht, Vertreibung und Neuanfang als Flüchtling, beschäftige, würde ich mich sehr über die Zusendung Ihres Beitrages freuen. Viele liebe Grüße aus dem Norden

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